
Später Nachmittag im Paulusviertel. Das Licht fällt schräg durch die hohen Fenster meines Hinterhof-Ateliers, zeichnet helle Vierecke auf den Dielenboden. Auf meinem MacBook schimmert Lightroom. Das leise Summen meines MacBooks im ansonsten stillen Hinterhof-Atelier, während der Geruch von frischem Kaffee aus dem Café nebenan durch das offene Fenster zieht. Ich starre auf die Fotos vom letzten Wochenende an der Saale-Aue. Ein Geschwisterpaar, lachend, eigentlich perfekt. Aber ihre Gesichter wirken flach. Fast so, als hätte ich bei einer Aquarell-Skizze vergessen, die zweite Farbschicht für die Schatten aufzutragen.
Die Sony Alpha 6000, meine treue Begleiterin seit dem Studium an der Burg, hat zwar alles eingefangen – 24,3 Megapixel voller Details –, aber die Tonalität stimmt nicht. Die Gesichter gehen im grünen Durcheinander der Weidenzweige unter. Ich brauche einen Fokus. Nicht diesen harten Kamera-Fokus, sondern einen emotionalen. Einen Lichtblick. Also klicke ich mich durch die Masken-Werkzeuge. Da ist er wieder: der Radialfilter. Mein digitaler Lichtformer.
Der Moment im Paulusviertel: Wenn das Licht auf dem Sensor nicht reicht
Anfang Juni fing es an. Diese Erkenntnis, dass ein gutes Foto nicht fertig ist, wenn es aus der Kamera kommt. Damals, bei der Ein-Jahres-Feier im Garten an der Saale, war alles so hell, so diffus. Die Bilder wirkten technisch okay, aber sie hatten keine Seele. Meine Illustrationen leben von der Lichtkante, von dem Moment, in dem eine Figur aus dem Hintergrund heraustritt. In der Fotografie fehlte mir das anfangs.
Der APS-C Sensor meiner Sony, diese 23,5 x 15,6 mm Technik, leistet erstaunliche Arbeit, aber er kann nicht wissen, dass mir die Nasenspitze des kleinen Jungen wichtiger ist als das glitzernde Wasser der Saale im Hintergrund. Ich saß hier im Atelier und fühlte mich fast ein bisschen hilflos. Bis ich anfing, Lightroom nicht mehr als Korrektur-Software zu sehen, sondern als meinen Lichttisch. Der Radialfilter ist im Grunde nichts anderes als eine Schablone, die man über das Bild legt.

Die digitale Lasur: Warum der Radialfilter eigentlich ein Pinsel ist
In meinen Kursen an der Burg Giebichenstein haben wir gelernt, wie man mit Lasuren arbeitet. Schicht für Schicht. Transparenz über Transparenz. Genau so benutze ich jetzt den Radialfilter. Ich ziehe einen Kreis um das Gesicht. Ein kleiner, intuitiver Schwung mit der Maus. Zuerst passiert: nichts. Oder das Falsche. Die „Umkehren“-Funktion war mein erster Endgegner. Entweder war alles um das Gesicht herum dunkel, oder das Gesicht selbst strahlte wie ein Heiligenschein.
Manchmal vergesse ich, dass ich hier nicht mit Tusche kleckse, sondern mit Algorithmen arbeite. Aber das Prinzip bleibt gleich: Ich will den Blick lenken. Wenn ich den Filter richtig gesetzt habe, erhöhe ich die Belichtung nur einen Hauch. Vielleicht +0,20 oder +0,30. Es ist wie der letzte weiße Farbtupfer in einem Auge auf einer Leinwand. Es macht das Bild lebendig. Es gibt dem Gesicht die Präsenz zurück, die das harte Nachmittagslicht geschluckt hat.
Ich habe festgestellt, dass viele meiner Landschafts-Presets für Porträts eine wunderbare Basis bieten, aber der Radialfilter ist das, was die persönliche Note bringt. Er macht aus einem „Reise-Look“ ein Familienporträt. Ich erinnere mich an einen Auftrag im Juli, während der heißen Wochen. Die Schatten unter den Bäumen in der Dölauer Heide waren fast schwarz. Mit dem Radialfilter habe ich die Schatten in den Gesichtern sanft angehoben. Nicht überall. Nur dort, wo das Lächeln wohnt.
Weiche Kante und Konturen: Die Technik hinter dem Gefühl
Ein technisches Detail, das ich anfangs komplett unterschätzt habe, ist die „Weiche Kante“. Lightroom gibt uns hier einen Bereich von 0 bis 100. Als Illustratorin liebe ich weiche Übergänge. Ein Wert von 0 ist wie ein harter Schnitt mit der Schere – furchtbar für Porträts. Man sieht sofort, dass da jemand „nachgeholfen“ hat. Ich bewege mich meistens zwischen 60 und 80. Das ist wie ein verblendeder Pinselstrich, der in das restliche Bild ausläuft.
Was ich auch oft mache: Ich reduziere innerhalb des Radialfilters die Struktur. Nur ganz minimal. Es ist, als würde man mit einem weichen Schwamm über das Papier gehen. Die Hauttöne werden dadurch ruhiger, ohne dass es nach diesem künstlichen „Beauty-Filter“-Look aussieht, den ich so gar nicht mag. Es soll ja echt bleiben. Die kleinen Sommersprossen, die Fältchen beim Lachen – all das darf bleiben, bekommt aber einen sanfteren Rahmen.

Interessanterweise hilft mir hier mein Wissen über die HSL-Regler in Lightroom. Manchmal kombiniere ich den Radialfilter mit einer leichten Sättigungsanpassung nur für das Gesicht. Wenn die Kinder im Gras spielen, haben sie oft einen Grünstich im Gesicht. Ein kleiner Radialfilter, ein Hauch Magenta dazu, und schon sieht die Haut wieder gesund aus. Wie eine gezielte Farbkorrektur mit dem feinsten Marderhaarpinsel.
Die Falle der Lichtinseln: Warum Gesichter allein oft nicht genug sind
Hier kommt mein „Contrarian“-Moment, wie man es wohl nennt. Überall liest man: Radialfilter aufs Gesicht, fertig. Aber ich finde: Das sieht oft unnatürlich aus. Wie eine kleine Lichtinsel im Ozean. Wenn ich eine Familie fotografiere, zum Beispiel neulich bei einem späten Nachmittag im August auf der Peißnitzinsel, dann achte ich darauf, dass das Licht logisch bleibt.
Anstatt nur den Kopf zu maskieren, ziehe ich den Radialfilter oft über den gesamten Oberkörper. Warum? Weil Licht sich ausbreitet. Wenn nur das Gesicht hell ist, aber die Schultern im Dunkeln liegen, merkt unser Gehirn, dass da was nicht stimmt. Ich maskiere subtil den gesamten Körper und lasse den Filter zu den Beinen hin auslaufen. Das wirkt viel authentischer. Es ist, als würde die Sonne genau diesen Moment besonders küssen, nicht nur eine Nase.

Gerade bei Gruppenbildern ist das entscheidend. Wenn man drei Kinder hat und über jedes einen kleinen „Gesicht-Spot“ legt, sieht das Bild am Ende aus wie eine Collage aus verschiedenen Welten. Ich versuche stattdessen, die Gruppe als eine kompositorische Einheit zu sehen. Vielleicht ein großer, weicher Radialfilter über alle drei, und dann nur ganz feine Akzente. Das ist wie die Linienführung in einer Zeichnung: Man will das Auge führen, nicht blenden.
Ein digitaler Pinselstrich: Das Fazit aus dem Lichtbildlabor
Letzte Woche am Schreibtisch habe ich ein Foto verworfen, bei dem ich es übertrieben hatte. Das Kind sah aus wie eine Porzellanpuppe. Zu viel Belichtung im Radialfilter, zu wenig Struktur. Ich habe alles gelöscht und neu angefangen. Weniger ist mehr. Ich frage mich kurz, ob ich gerade schummle, weil ich das Licht digital „hinmale“, statt es perfekt einzufangen – aber dann erinnert es mich an meine Lasuren auf Papier. Auch dort verstärke ich, was schon da ist. Ich erfinde kein Licht, ich betone es nur.
Der Radialfilter ist für mich kein technisches Tool, sondern ein gestalterisches. Er hilft mir, diesen sanften Aquarell-Look zu erreichen, den ich so liebe. Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, dass die Mutter, wenn sie das Bild sieht, zuerst das Leuchten in den Augen ihres Kindes bemerkt und nicht den technischen Aufbau des Fotos.

In meinem Lichtbildlabor-Tagebuch steht für diesen Monat: „Trau dich, die Maske großzügig zu ziehen.“ Es ist okay, wenn der Filter über den Rand des Gesichts hinausgeht. Solange die Tonalität stimmt und die Bildaussage klar bleibt. In der Saale-Stadt haben wir oft dieses wundervolle, weiche Abendlicht – der Radialfilter hilft mir einfach nur, dieses Gefühl mit nach Hause ins Paulusviertel zu nehmen und auf dem Bildschirm festzuhalten. Ganz intuitiv. Ohne Curriculum. Einfach nach Gefühl.