
Ich stelle mir öfter die Frage, wie oft ich ein Familienporträt vermasseln darf, bevor ich aufhöre, der Kamera die Schuld zu geben. Als Illustratorin, die nebenbei Familienfotografie anbietet, suche ich einen Bearbeitungsstil, der nicht nach Lehrbuch funktioniert, sondern nach Gefühl. Landschafts-Presets, eigentlich für Flusstäler und Herbstwälder gedacht, sind dabei mein unerwartetstes Werkzeug geworden, und der Grund, warum meine Familienfotos inzwischen anders aussehen als noch vor ein paar Monaten.
Kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du über so einen Link ein Preset-Paket oder einen Kurs, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich etwas teurer wird. Ich schreibe nur über Werkzeuge, die ich selbst in echten Familien-Aufträgen benutzt habe — mein Blick bleibt der einer Illustratorin, nicht einer Technikerin.
Der Kurs, der nicht zu meinem Kopf passte
Bevor ich Presets entdeckt habe, wollte ich es richtig lernen, systematisch, wie ein Handwerk mit festen Regeln. Ich habe mir den Adobe Lightroom Classic Komplettkurs gekauft, vierzig Lektionen, streng linear aufgebaut. Nach Modul vier habe ich abgebrochen. Mein Kopf funktioniert nicht in dieser Reihenfolge — ich brauche das Bild zuerst als Ganzes, nicht als Checkliste von Reglern.

Mein Freund Tilo Benz, der als Buchgestalter in Leipzig arbeitet, hat dazu neulich eine Bemerkung gemacht, die hängen geblieben ist: Kursaufbau sei wie ein starres Layoutraster, während ich offenbar lieber frei skizziere und das Raster erst hinterher einziehe. Ob man Lightroom eher wie einen Kurs oder wie eine Skizze lernt, ist sowieso eine Frage für sich — hier ging es erst mal um etwas anderes.
Noch davor, in den ersten Wochen mit der Kamera, hatte ich einen anderen Fehler gemacht: Ich fotografierte in JPEG statt in RAW, um Speicherplatz auf der Karte zu sparen. Bei der Bearbeitung fehlte mir dann genau der Spielraum, den ich als Illustratorin gewohnt bin — keine Reserve in den Lichtern, keine Reserve in den Schatten, das Bild ließ sich kaum noch biegen, nur noch leicht verschieben. Keine Reserve. Nirgends. RAW gegen JPEG ist als Workflow-Entscheidung noch mal ein eigenes Kapitel, aber seit diesem Shooting fotografiere ich konsequent RAW.
Was macht ein Landschafts-Preset mit einem Gesicht?
Der Herbst kam früh in diesem Jahr, das Licht über der Saale wurde kühler und dünner, fast durchsichtig. Der Auftrag, um den es hier geht, fand aber nicht am Fluss statt, sondern auf dem Händelplatz, unter der Kastanienallee, mitten im tiefen Herbstlicht, ein Familienshooting für Henning Bauer und seine Kinder, vermittelt über die Betreiberin vom Atelier-Café.
Henning kam wie üblich eine Viertelstunde zu spät, diesmal mit einer Tüte selbstgebackener Waffeln für die Wartezeit im Gepäck. Seine beiden Kinder jagten in der Zwischenzeit Kastanien zwischen den Bäumen, und genau in diesem Licht — tief, golden, mit langen Schatten über dem Pflaster — probierte ich zum ersten Mal etwas Neues direkt an Porträts aus: das lifestyle-presets-paket, eigentlich für Reise- und Landschaftsfotografie gedacht.

In der Illustration denke ich in Lichtkante und Schattenwurf, nicht in Blende und ISO — und genau diese Sprache sprechen Landschafts-Presets von Haus aus, weil sie für Texturen und Stimmung gebaut sind, nicht für Hauttöne. Welcher Look am Ende zu welchem Licht passt, ist wieder eine andere Geschichte, die an anderer Stelle ausführlicher steht.
Solche Farben in Lightroom, die harmonische Familienfotos wie in der Malerei wirken lassen, sind für mich der eigentliche Grund, warum ich bei Presets bleibe statt bei reiner Handarbeit. Der Look „Cinematic" zog die Grüntöne der Kastanienblätter ins Moosige, fast wie in meinen Bilderbüchern. „Moody" gab den Kindern dagegen einen schweren, samtenen Kontrast, der an alte Ölgemälde erinnert.
Bei einem der ersten Bilder von Hennings Tochter hatte ich den Klarheit-Regler viel zu weit nach oben gezogen, aus Gewohnheit, weil das bei Landschaften fast immer gut aussieht. Auf einem Gesicht wirkte es hart, fast grafisch, wie mit dem Skalpell gezeichnet. Ich zog den Regler komplett zurück auf null, und das Bild atmete plötzlich wieder, weich wie ein Aquarell, bei dem die Farbe selbst die Kanten zeichnet. Etwa in der vierten Woche mit dem neuen Preset-Paket ist mir dieser Unterschied zum ersten Mal richtig aufgefallen — nicht als Geistesblitz, eher als eine Gewohnheit, die sich langsam eingeschliffen hat.
Warum Kinderporträts in der Familienfotografie eine andere Hand brauchen
Landschafts-Presets sind rücksichtslos zu Hauttönen, wenn man sie ungeprüft über ein Kinderporträt legt. Bei Hennings Sohn kippten die Wangen ins Fiebrige, zu heiß, zu gesättigt, fast so, als hätte er tagelang in der Sonne gestanden. Ich musste den Weißabgleich bei Sonnenuntergang für natürliche Hauttöne noch einmal separat angehen, losgelöst vom Rest des Bildes. Wie ich Hauttöne grundsätzlich angehe, ist ein eigenes, längeres Thema, das an anderer Stelle im Detail steht.

Bevor die Landschafts-Stimmung im Hintergrund richtig zur Geltung kam, musste ich außerdem klären, wie man Dunst in Lightroom entfernt — über dem Platz lag dieser typische Frühherbst-Schleier, der die Kastanienallee leicht ins Diffuse zog. Erst danach ließ sich die Hautkorrektur im Vordergrund sauber von der Stimmung im Hintergrund trennen.
Für die Gesichter selbst nutzte ich am Ende selektive Korrektionen in Lightroom, ungefähr so, wie ich mit dem iPad Linien ziehe: Akzente setzen, wo der Blick zuerst hinwandern soll.
Zwischen Kaffee, Katalog und Kastanienallee
Meine alte Sony Alpha 6000 produziert bei wenig Licht sichtbares Korn, und die Landschafts-Presets verstärken das eher, statt es zu kaschieren — mittlerweile gefällt mir das sogar, es erinnert an Papierstruktur und Tuschespritzer in meinen Büchern. Wer lieber glatte Bilder mag, kann gezielt Rauschen in Lightroom entfernen, ich lasse es für Familienporträts meistens bewusst drin.
Bei größeren Aufträgen mit vielen Bildern auf einmal wird die Preset-Basis zur echten Zeitersparnis, wie ich solche Serien dann zügig durchsortiere, ist aber wieder ein eigenes Thema. Genauso, wie ich am Ende den Bildausschnitt wähle oder Licht und Schatten in einer Szene lese, bevor überhaupt ein Preset draufkommt — beides Fragen, die mehr Platz brauchen, als ich ihnen hier geben kann.
Wenn du selbst mit blassen Familienfotos kämpfst und keine Lust auf ein Technik-Studium hast, ist das lifestyle-presets-paket für mich immer noch der ehrlichste Startpunkt — nicht, weil es perfekt ist, sondern weil es mich zurück zur Intuition gebracht hat, statt mich in Reglern zu verlieren.
Und falls du erst mal nur Ordnung in deine Sammlung bringen willst, bevor du überhaupt an Presets denkst: Ich habe aufgeschrieben, wie ich meinen Lightroom Katalog als Illustratorin organisiere. Ordnung ist nicht meine Stärke, aber am Ende hilft sie jedem Auftrag, der aus dem Chaos eines Nachmittags wie am Händelplatz entstehen soll.