
Ein bewölkter Himmel wirft keinen einzigen Schlagschatten. Das ist der Grund, warum Natural Presets bei Familienfotografie im Freien so oft danebengehen, sobald der Himmel über Halle grau wird. Ich behandle Bildbearbeitung wie eine Illustratorin, die zuerst die Fläche liest und dann erst die Linie zieht, und genau diese Reihenfolge fehlt den meisten Preset-Anleitungen für Lightroom-Presets im deutschsprachigen Raum. Flaches Licht schluckt jede Kante im Gesicht, jede Lichtführung, die ein Porträt trägt – und ein Preset kann diese fehlende Struktur nicht erfinden, nur verstärken oder verschlimmern.
Warum Natural Presets bei grauem Himmel zuerst schaden
Graues Licht wirkt wie eine überdimensionale Softbox über der ganzen Stadt. Keine harten Schlagschatten unter den Augen, das stimmt schon. Aber die Tonalität rutscht komplett ins Kühle, ins Bläuliche, und genau dort setzen die meisten Natural Presets ihre Basis-Kurve an, als würde ohnehin schon genug Kontrast im Bild stecken. Meine Sony Alpha 6000 liefert bei solchem Licht technisch sauberes Material, aber welche Kameraeinstellungen sich für Familienfotos im Freien am besten eignen, das ist ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufdrösle.
Wichtig ist zuerst die Diagnose, nicht das Preset. Bevor ich irgendetwas draufziehe, schaue ich, wie weit das RAW schon Richtung Blau kippt. Ein Preset, das obendrauf noch die Sättigung kappt, verschärft genau das Problem, das der graue Himmel ohnehin mitbringt: Die Bilder wirken nicht freundlich, sondern blass, wie eine Tuschezeichnung, die noch nass verwischt wurde.

Grundton zuerst prüfen oder direkt draufloslegen?
Ich arbeite intuitiv, nicht nach Lehrplan, ein linearer Lightroom-Kurs mit festen Modulen hat bei mir nie funktioniert, weil er eine Reihenfolge vorschreibt, die meinem Illustrationskopf fremd ist. Trotzdem gibt es einen Schritt, den ich nie überspringe: den Weißabgleich prüfen, bevor überhaupt ein Preset ins Spiel kommt. Kippt das Bild insgesamt Richtung Blau oder Grau, korrigiere ich das zuerst manuell über die Temperatur- und Tint-Regler. Erst wenn der Grundton stimmt, lege ich das Preset drüber, sonst potenziert es später nur den Farbstich, den ich eigentlich loswerden wollte.
Das klingt technisch, ist aber am Anfang vor allem ein Bauchgefühl-Check: Sieht das Bild eher nach kaltem Beton aus oder nach dem weichen Grau, das ich an bewölkten Nachmittagen mag? Danach entscheide ich, wie stark ich gegensteuere, und wie viel davon ich später überhaupt noch dem Preset überlasse.
Preset drauflegen, sofort wieder eingreifen
Ein Natural Preset ist für mich nur die Grundierung, nicht das fertige Bild. Sobald ich es aufziehe, nehme ich als Erstes die eingebaute Kontrasterhöhung wieder runter – bei flachem Licht brennt sie die ohnehin geringen Unterschiede zusätzlich ein, und aus einem freundlichen Familienfoto wird ein dunkles, matschiges. Danach gehe ich in die Tonwertkurve und hebe die Schatten selektiv an, nur dort, wo die Bildkomposition es trägt, am Gesicht, an den Händen, nicht in der ganzen Fläche.
Bei einem Shooting im Hinterhof im Paulusviertel, mit Blick auf den Waschküchenanbau nebenan, habe ich den Klarheit-Regler zuerst kräftig hochgezogen, um der platten Lichtstimmung etwas Kontur zu geben. Auf dem Bildschirm sah das im ersten Moment überzeugend aus. In der Vergrößerung wurde die Kinderhaut aber hart, fast schraffiert wie mit einem zu spitzen Tuschestift. Zurückgedreht auf null, stattdessen über die Belichtung und eine sanfte S-Kurve gearbeitet. Das hat die Stimmung gerettet, ohne dass die Gesichter künstlich wirken. Manchmal wähle ich für solche Tage aber auch einen anderen Weg, warum ich für meine Familienporträts an der Saale meistens Moody Presets wähle, wenn das Grau so hartnäckig ist, dass ich die Melancholie lieber stehen lasse, statt sie wegzukorrigieren.

Hauttöne unter grauem Himmel
Hauttöne sind bei bewölktem Licht das Erste, was blass kippt. Ich hebe Orange und Gelb in der Farbmischung nur minimal an, wie ein Hauch Lasurfarbe über einer Grundierung – wie genau man diesen Regler für unterschiedliche Hauttypen einsetzt, ist ein eigenes Thema, das eine eigene Betrachtung verdient. Wichtiger als der einzelne Regler ist die Reihenfolge: erst Weißabgleich, dann Belichtung, dann erst die feinen Farbmischungs-Korrektionen. Wer das umdreht, jagt Symptome statt der Ursache.
Nicht funktioniert hat bei mir die automatische KI-Korrektur in Lightroom Mobile, die ich einmal auf einer ganzen Serie einfach durchklicken ließ, ohne jedes Bild einzeln zu prüfen. Die Software hat die Hauttöne pauschal aufgehellt und dabei genau die Lichtkante verschluckt, die ein Gesicht vom Hintergrund trennt. Insgesamt wirkte die Serie flach, obwohl jedes einzelne Bild für sich genommen technisch in Ordnung war. Seitdem gehe ich jedes automatisch vorkorrigierte Bild noch einmal manuell durch, bevor es in die Galerie geht.
Eine befreundete Fotografin, Leila Messaoudi, hat mir dazu unverblümt gesagt, dass automatische Korrektionen gerade bei Hauttönen am meisten Schaden anrichten, weil sie über das ganze Bild mitteln statt lokal zu unterscheiden. Seitdem entferne ich vorher auch störende Elemente von Hand, statt der Automatik zu vertrauen, störende Elemente in Lightroom zu entfernen für einen cleaner Illustrator-Look, damit die Ruhe im Bild nicht durch einen Fleck im Hintergrund gestört wird, den die KI übersehen hat.
Fazit: Was bewölkter Himmel für die Bildbearbeitung bedeutet
Bewölktes Wetter ist kein Grund für blasse Gesichter, es ist eher eine Leinwand, auf die ich die Wärme selbst auftragen muss, Schicht für Schicht, wie beim Malen. Als ich die fertige Galerie eines Auftrags verschickte, schrieb mir die Großmutter der Familie zurück, die Bilder sähen aus, als wären sie gemalt worden, nicht fotografiert, und genau an diesem Punkt merke ich, dass mein Blick als Illustratorin mehr zählt als jedes fertige Preset. Für Auftragsfotos an ähnlich grauen Tagen probiere ich demnächst noch etwas anderes aus, wie ich einen Cinematic Look in Lightroom erstellen kann mit Reise-Presets, weil auch diese Presets bei Wolken überraschend gut funktionieren, wenn man sie als Vorschlag begreift und nicht als Gesetz.