
24 Regler warten im HSL-Panel von Lightroom – acht Farbfamilien, jede mit Farbton, Sättigung und Luminanz –, und in der ersten Woche ergab für mich keiner davon einen Sinn. Am Zeichentisch im Paulusviertel lag eine Aquarellskizze noch feucht, daneben auf dem Bildschirm ein RAW-Foto von einem Familienshooting auf der Peißnitzinsel. Blass. Flach. Digital-kalt. Kein Lightroom-Grundkurs hatte mir bis dahin gezeigt, wie Bildbearbeitung für Kreative eigentlich funktioniert, wenn man in Farbflächen denkt statt in Kurven – und meine Familienfotografie sah noch nicht danach aus, wie ich sie eigentlich sehen wollte.
Bevor ich das HSL-Panel wirklich verstand, habe ich versucht, Hauttöne über Ebenenmasken in Photoshop zu steuern – genau wie beim digitalen Illustrieren, wo ich Farbflächen schichtweise aufbaue. Es sah aus wie geflickt. Jede Maske ein neuer Bruch im Bild, jede Kante ein Verräter. Nach drei Fotos habe ich aufgegeben und die Masken wieder gelöscht.
Wer wissen will, wie ich den Einstieg über einen klassischen Kurs grundsätzlich fand, kann das in meinem Lightroom Grundkurs im Test: Lohnt sich der Adobe-Einstieg für kreative Köpfe? nachlesen. Hier geht es nur um das Panel selbst.
Das HSL-Panel als zweiter Farbkasten
Ich habe aufgehört, das Panel als Korrekturwerkzeug zu behandeln, und genau da kippte etwas. Acht Farben, wie Näpfchen in einem Aquarellkasten: Rot, Orange, Gelb, Grün, Türkis, Blau, Lila, Magenta. Jeder Napf mit drei Reglern – Farbton verschiebt die Nuance, Sättigung bestimmt die Intensität, Luminanz die Helligkeit der Farbe selbst. Sobald ich das als Mischpalette las statt als technisches Diagramm, wusste meine Hand ungefähr, wo sie hinwollte.
Orange ist in diesem Kasten der Napf für Haut, und darüber schreibe ich ein andermal ausführlicher – hier reicht so viel: Ziehe ich die Luminanz sacht hoch, bekommt die Haut ein Leuchten wie ein Lichtspot in einer Illustration. Fünf Wochen nach dem ersten Versuch mit dem Panel saß ein Kind aus einem Nachmittagsshooting auf der Peißnitzinsel im Streiflicht, und das Preset, das ich als Ausgangspunkt gewählt hatte, passte ohne eine einzige Nachkorrektur am Orange-Regler. Kein Zufall mehr, sondern ein Muster, das ich langsam lesen konnte.

Warum Übersteuern mehr Tiefe bringt als Verblassen?
Die meisten Anleitungen raten, Farben zu entsättigen, wenn man einen ruhigeren Look will. Ich mache oft das Gegenteil. Grün oder Gelb schiebe ich in der Sättigung erst weit nach rechts, fast unangenehm knallig, und senke danach die Luminanz genau dieser einen Farbe deutlich ab. Kurz sieht das falsch aus. Dann wird die Farbe schwer, satt, wie dicke Ölfarbe oder ein tief eingesogener Aquarell-Verlauf.
Ein dunkles, gesättigtes Grün im Schatten wirkt gemalter als ein blasses Grau-Grün, das durch globale Entsättigung entsteht. Schiebe ich den Gelb-Kanal im Farbton leicht Richtung Orange, bekommt Nachmittagslicht in Haaren eine Wärme, die kein fertiges Preset allein liefert. Luminanz zuerst, Sättigung danach – das ist die Faustregel, die bei mir hängen geblieben ist, und die einzige, die ich aus dieser ganzen Bastelei mit Sicherheit weitergeben würde: Wirkt ein Bild flach, zieh nicht sofort an der Sättigung, sondern schau erst, ob die Farbe dunkler mehr Charakter bekommt.

Blau und Türkis auf der Peißnitzinsel bändigen
Bei einem Sommershooting auf der Peißnitzinsel hatte eins der Kinder Blaubeeren genascht, blaue Flecken um den Mund, ein paar Spritzer auf dem hellen Leinenhemd. In der Kamera wirkte das Blau fast elektrisch, zu laut für die ruhige Nachmittagsstimmung am Fluss. Als Basis nutze ich für solche Szenen manchmal Landschafts-Presets für Porträts, weil sie Grün- und Blautöne oft schon interessant interpretieren – das HSL-Panel ist dann mein Feinschliff.
Den Farbton der Fleckenschatten habe ich leicht Richtung Türkis verschoben, die Sättigung fast auf null gezogen und die Luminanz gesenkt. Aus digitalen Störungen wurden Schatten, die zur Zeichnung passen statt gegen sie zu arbeiten. Henning Bauer, der Vater in der Gruppe, bestand wie immer auf mindestens einem Bild in Schwarzweiß – kein Verhandeln, das gehört bei ihm zur Serie dazu.
Tilo und die Sache mit der Krücke
Mein Freund Tilo Benz, Buchgestalter in Leipzig, hält von alldem wenig. Presets nennt er eine Krücke. Jedes Bild entwickelt er von Grund auf, Regler für Regler, nie mit einem fertigen Preset im Rücken. Als ich ihm neulich am Telefon von der Luminanz-zuerst-Regel erzählte, hat er nur gelacht und gesagt, das sei doch auch nur ein Preset mit Umweg. Vielleicht hat er recht. Der Unterschied ist für mich: Ich brauche den Ausgangspunkt, um überhaupt zu sehen, wohin ich will – wie eine Bleistiftskizze, bevor die Tusche kommt.
Der alte Eichenstuhl im Atelier gibt sein vertrautes Knarzen von sich, sobald ich beim zweiten Durchgang näher an den Schirm rücke – das Licht vom Fenster bleibt dabei immer gleich weich, nie ein greller Streifen quer über den Monitor. Kein Zufallsergebnis mehr, kein Raten am Panel. Geblieben ist eine einzige Regel, die ich aus alldem mitgenommen habe und die ich jedem Illustrator mit auf den Weg geben würde, der seine Familienfotos malerischer haben will: Farbe zuerst fühlen, dann erst am Regler drehen, und wenn ein Bild flach wirkt, zuerst die Luminanz einer einzelnen Farbe senken, bevor irgendetwas gesättigter wird.