
Zwei Vorschaubilder nebeneinander auf dem Bildschirm, derselbe Moment, zwei vollkommen unterschiedliche Bearbeitungswege dahinter. Links das Foto, das ich Regler für Regler bearbeitet habe, rechts das, bei dem ich einfach ein Preset drübergelegt und dann weitergearbeitet habe. Mein Workflow in Lightroom schwankt zwischen diesen beiden Polen, und als Illustratorin, die nebenbei kreative Fotografie für Familien anbietet, merke ich: beide Wege haben ihre Berechtigung, nur nicht für dieselbe Aufgabe.
Beide Bilder zeigen eine Mutter mit ihrem Kind im Gras, beide stammen vom selben Shooting im Hinterhof in Paulusviertel, mit Blick auf den Waschküchenanbau nebenan. Das Licht dort ist tückisch — es springt von der hellen Fassade des Anbaus zurück und wird härter, als man beim Fotografieren merkt.
Lightroom systematisch wie ein Handbuch bedienen
Reflektiertes Licht von einer Hauswand ist kein Thema, das sich mit Gefühl allein lösen lässt. Hier habe ich systematisch gearbeitet: erst die Belichtung zurückgenommen, dann den Weißabgleich an die reflektierte Fassade angepasst, erst danach den Kontrast angehoben. Schritt für Schritt, in genau dieser Reihenfolge — Belichtung und Kontrast folgen in Lightroom einer eigenen kleinen Logik, die sich zu verstehen lohnt, sobald ein Bild technisch schiefläuft.
Das Histogramm hat mir dabei mehr geholfen als mein Bauchgefühl. Es zeigte eine Spitze weit rechts, genau dort, wo die Fassade das Licht zurückwarf, und erst als diese Spitze eingefangen war, wurde die Hauttönung der Mutter wieder lesbar. Ein Histogramm richtig zu lesen ist eine Fähigkeit für sich, kein Reflex, der von selbst kommt, und sie zahlt sich genau in solchen Momenten aus.
Die Sony Alpha 6000, mit der ich seit dem Studium fotografiere, liefert für solche Fälle genug Spielraum in den Rohdaten, um die Fassaden-Reflexion ohne sichtbaren Qualitätsverlust zurückzudrängen. Wie man die Kamera selbst für solche Lichtsituationen einstellt, ist noch mal ein eigenes Thema für sich — an diesem Nachmittag ging es nur um die Rettung hinterher, in Lightroom.

Die Preset-Anwendung als Grundierung: der andere Weg
Ganz anders lief es bei einer Nachbarin aus meiner Straße, die für einen Triathlon-Verein an der Saale trainiert und mich gebeten hat, ein paar Fotos von ihrer Tochter zu machen. Kein technisches Problem, kein harter Lichtreflex, nur ein Garten, der warm und weich wirken sollte, fast wie eine Buchillustration.
Hier habe ich das Preset zuerst gelegt, einen Look namens „Moody", und erst danach einzelne Masken korrigiert. Es ist wie die erste Lasur auf einem Aquarellblatt — die Farbstimmung bestimmt, wie alles Weitere gelesen wird. Welches Preset zu welchem Licht passt, ist eigentlich eine eigene Übung für sich, aber an diesem Nachmittag hat „Moody" auf Anhieb funktioniert.
Mit dem Apple Pencil habe ich auf dem iPad Pro einzelne Masken gesetzt, so wie ich sonst eine Lichtkante in einer Illustration ziehen würde. Für die Hauttöne der Tochter musste ich kaum etwas verschieben — das Preset hatte die Wärme schon mitgebracht, die bei Familienfotos im Freien oft als Erstes verloren geht.
Dass die Farben dabei so plastisch wirken, hat auch mit der Farbtiefe in Lightroom für lebendige Familienporträts im Grünen zu tun, mit den vielen Nuancen, die in den Rohdaten stecken und die ein Preset erst sichtbar macht, statt sie zu überdecken.
Die Weißabgleich-Lücke, die mich kalt erwischt hat
Nicht jeder Versuch ist gelungen. Eine Zeit lang habe ich Handyfotos, die nebenbei bei einem Shooting entstanden sind, direkt aus der Galerie exportiert, ohne den Weißabgleich zu prüfen. Auf dem Handy-Display sahen die Bilder warm und stimmig aus. Auf einem größeren Bildschirm kippten sie ins Gelbliche, fast wie durch altes Fotopapier gesehen.
Seitdem prüfe ich jede Aufnahme auf einem größeren Bildschirm, bevor sie rausgeht, ganz unabhängig davon, ob sie aus der Kamera oder vom Handy kommt. Farbstiche lassen sich in Lightroom zwar korrigieren, aber nur, wenn man sie überhaupt bemerkt, bevor das Bild bei den Eltern ankommt.
RAW-Dateien von der Kamera geben mir dabei deutlich mehr Spielraum als ein fertiges Handyfoto, das ist auch der Hauptunterschied, wenn man beide Workflows nebeneinanderlegt, RAW gegen JPEG, Kamera gegen Handy.

Entscheide intuitiv oder systematisch, aber entscheide bewusst
Die Regel, die sich bei mir herausgeschält hat, ist einfach: Liegt ein technisches Problem vor, ein Lichtreflex, ein Farbstich, eine verzogene Linie am Bildrand, dann lohnt sich der lineare Weg, Schritt für Schritt, mit dem Histogramm als Kontrolle. Geht es dagegen um Stimmung, um einen Look, der sich eher malerisch als dokumentarisch anfühlt, dann fährst du besser, wenn das Preset zuerst kommt und die Feinheiten erst danach folgen. Für Porträts mit sehr weichem Hintergrund schaue ich inzwischen auch wieder in meine alten Notizen zur Objektivunschärfe in Lightroom und Lifestyle Presets, weil sich dort einiges von dem wiederfindet, was bei dieser Nachbarin so gut funktioniert hat.
Wie gut das Ergebnis wirklich war, habe ich erst gemerkt, als meine Großmutter später durch die Galerie auf meinem Handy gewischt hat und bei genau diesem Bild stehen blieb. Sie hat nicht gefragt, mit welcher Kamera, mit welchem Preset. Sie hat nur gesagt, das sehe aus, als hätte jemand es gemalt.
Genau da hört der Lehrplan für mich auf, nützlich zu sein. Ob du grundsätzlich systematisch oder intuitiv an Lightroom herangehst, kannst du nur für dich selbst beantworten, bei mir hängt die Antwort schlicht davon ab, was gerade vor mir auf dem Bildschirm liegt, ein Problem oder eine Stimmung. Zwei Bilder, zwei Wege, derselbe Nachmittag im Hinterhof. Mein Lichtbildlabor-Tagebuch wird dadurch nicht ordentlicher, aber ehrlicher.