Der Wasserfleck auf der Backsteinwand hinter meinem Schreibtisch wirkt heute wie ein Kometenschweif. Ich starre ihn öfter an, als mir lieb ist, während ich in Lightroom sitze und entscheide, ob ein Cinematic Look für ein Familienfoto zu schwer wird oder genau die richtige Tonalität trifft. Meine Presets sind eigentlich für Reisefotografie gebaut, für Küstenstraßen und Bergketten, nicht für Kinderlachen im Garten hier in Halle (Saale). Trotzdem sind sie mittlerweile der Kern meines Workflows als Illustratorin, die nebenbei Familienporträts fotografiert.
Kurzer Hinweis vorweg: Diese Seite enthält Affiliate-Links. Kaufst du über einen davon ein Preset-Paket oder einen Kurs, bekomme ich eine Provision, ohne dass sich dein Preis ändert. Empfohlen wird hier nur, was ich selbst für meine Aufträge im Paulusviertel und am Volkspark einsetze und aus eigener Tasche bezahlt habe.
JPEG statt RAW: der Fehler, der mir den Spielraum nahm
Vor der Umstellung auf Presets habe ich monatelang in JPEG statt RAW fotografiert, um Speicherplatz auf der alten Sony zu sparen. Klang vernünftig, bis ich bei einem der ersten Cinematic-Versuche merkte, dass die Schatten absoffen, sobald ich sie anheben wollte. Kein Spielraum mehr. Keine Reserve in den Tiefen, das File hatte seine Entscheidung schon getroffen, bevor ich überhaupt am Regler war. Der Weißabgleich ließ sich meist noch retten, die verlorenen Tiefen nicht. Als Illustratorin vergleiche ich das mit einer Tuschezeichnung ohne Bleistiftvorzeichnung: Ist die Linie einmal gesetzt, gibt es kein Zurück mehr. RAW gibt mir diese Vorzeichnung, dieses Sicherheitsnetz, auf das ich seitdem nicht mehr verzichte.
Ein starrer Kurs hilft mir beim Cinematic Look nicht weiter
Frustriert vom blassen Ergebnis, hab ich mir den Adobe Lightroom Classic Komplettkurs geholt, über 40 Lektionen, fein aufgeteilt in Häppchen. Die ersten vier Module – Bildorganisation, Selektion, Tonwertkorrektur – waren lehrreich, ich weiß jetzt, was die Regler technisch tun. Aber danach kam der Punkt, an dem ich abgebrochen habe. Dieser lineare Aufbau, erst A, dann B, dann C, passt einfach nicht zu meiner Arbeitsweise als Illustratorin. Ich skizziere, verwerfe, kleckse, spring zurück zum Anfang, wenn eine Linie nicht sitzt – ein Kurs mit festem Curriculum fühlt sich für mich an wie Malen nach Zahlen. Gesucht habe ich stattdessen etwas anderes: Tiefe in meine Familienfotos, ohne dafür einen ganzen Lehrplan durchzuackern.
Reise-Presets für Familienfotos: eine Entdeckung im September
Auf das Paket mit 100 Lightroom-Presets bin ich im letzten September gestoßen, eigentlich gebaut für Reise- und Landschaftsfotografie, für Berge und Küsten, nicht für Kinderporträts im Grünen. Kaum hatte ich den Cinematic-Look über ein Familienfoto gelegt, hatte das Bild plötzlich diese schwere, atmosphärische Tonalität, die ich aus meinen eigenen Tuschearbeiten kenne. Welcher der 13 Stilrichtungen zu welchem Licht passt, ist bei mir reine Bauchentscheidung, keine Checkliste – Cinematic für schweres Nachmittagslicht, Natural, wenn die Haut der Kinder im Vordergrund stehen soll. Praktisch auch: Es gibt .xmp-Dateien für Lightroom Classic am MacBook und .dng-Dateien fürs iPhone, sodass der Look im Café schon stimmt, bevor ich zu Hause weitermache. Wer noch mit einer uralten Lightroom-Version arbeitet, muss vorher auf Classic ab Version 7.3 wechseln, sonst laufen die Presets nicht. Zu Hause am großen Schirm bleibt dann meist nur noch die Feinarbeit an der Objektivkorrektur, bevor das Bild fertig ist.
In Woche sechs kippte der Blick auf meine eigenen Fotos
Am Rosengarten-Weginsel im Volkspark, ungefähr in Woche sechs, hatte ich zwei Kinder im Gras fotografiert und zog testweise das Preset „Natural" darüber. Die Grün- und Hauttöne lagen plötzlich so nah beieinander, wie ich Farbflächen sonst mit dem Pinsel ineinander laufen lasse, ein Wiedererkennen mehr als ein Ergebnis. Kein großer Knall. Eher das Gefühl, endlich am selben Material zu arbeiten wie sonst mit Aquarell und Tusche.
Kurz danach hat mich Henning Bauer gefragt, ob ich seine Familie im Grünen ablichten könnte, ganz ohne Studio-Gedöns. Nach dem Shooting kam von ihm eine Sprachnachricht mit sehr genauem Feedback – zu welchem Foto ihm der Blauanteil im Schatten zu kühl war, welches er am liebsten sofort gedruckt hätte. Diese Art Rückmeldung bekomme ich von Kunden aus dem Illustrationsgeschäft nie, dort kommt höchstens ein Daumen-hoch-Emoji.
Grün raus, Gesicht rein: mein Griff zum HSL-Regler
Digitales Grün ist oft aggressiv, fast neonfarben, egal ob im eigenen Garten oder am Volkspark. Es schreit den Betrachter an und frisst jede Stimmung aus dem Bild. Mein Ansatz: Reise-Preset als Grundierung, danach gezielt in den HSL-Regler, Sättigung von Grün und Gelb massiv runter, manchmal der Grünton leicht Richtung Braun gekippt. Den HSL-Regler intuitiv zu nutzen ist für mich der eigentliche Schlüssel zum Cinematic Look, nicht das Preset selbst. Ob eine Hauttonkorrektur überhaupt nötig ist, hängt für mich vom Licht ab, nicht von einer festen Regel – bei weichem Nachmittagslicht greife ich seltener ein als bei hartem Mittagslicht mit Schlagschatten im Gesicht. Selektiv setze ich das nur dort ein, wo der Blick des Betrachters hin soll, alles andere bleibt, wie es die Kamera geliefert hat.
Letzten Frühling hatte ich eine junge Familie im Garten fotografiert, der Rasen nach dem Regen fast giftgrün. Das Cinematic-Preset vertiefte die Schatten schön, aber das Gras leuchtete weiter unnatürlich, bis ich Gelb und Grün fast bis zur Farblosigkeit entsättigt habe. Erst dann rückten die Gesichter der Eltern in den Fokus, die Linienführung im Bild wurde ruhiger, weil der Hintergrund farblich zurücktrat. Genau das mache ich auch beim Illustrieren: Wichtiges betonen, Unwichtiges durch Farbreduktion ausblenden.
So erkenne ich, ob ein Look zum Auftrag passt
Meistens am Bildschirm im Café unten im Paulusviertel, noch mit Espresso in der Hand. Von den 100 Presets nutze ich in der Praxis nur drei oder vier wirklich regelmäßig – „Cinematic 02" für kühles, nordisches Licht an bewölkten Tagen, „Moody 05" für Home-Storys in den hohen Altbauwohnungen hier im Viertel. Den Rest exportiere ich meist im Batch, sortiere hinterher noch mal von Hand, weil eine feste Vorlage nie jedes einzelne Foto trifft. Bei der Dateibenennung und den Export-Einstellungen für Kunden habe ich lange improvisiert, bis Tilo Benz, ein befreundeter Buchgestalter aus Leipzig, mir gezeigt hat, wie er seine Bilddateien für den Druck vorbereitet – seitdem sehen meine Exporte für WhatsApp und für den Fotodruck nicht mehr aus wie ein Zufallsstapel. Der Bildausschnitt entscheidet für mich fast so viel wie der Look selbst: Ich schneide oft enger, als die Kamera es vorgesehen hat, wenn die Linienführung im Hintergrund unruhig wird.
Wer wie ich eher visuell-intuitiv arbeitet und keine Lust auf endlose Theorie hat, für den ist das Preset-Paket für 70 Euro eine echte Erleichterung, eine Einmalzahlung statt noch ein Abo neben der Illustrations-Software. Falls doch der systematische Weg gewünscht ist, bleibt der Lightroom Crashkurs eine Option – für mich war er zu linear, aber die ersten Module haben mir technisch weitergeholfen.
Ein Preset ist für mich nie die Antwort, sondern die Grundierung, auf der ich weiterarbeite, genau wie eine erste Lasur auf leerem Papier. Wenn ich heute jemandem aus der Illustrationsecke rate, der ins Familienfotografieren reinrutscht: Fotografier in RAW, auch wenn der Speicherplatz knapp wird, und miss ein Preset nicht daran, wie es aussieht, sondern daran, wie viel Spielraum es dir noch lässt, wenn du selbst nachjustierst. Der Rest der Entscheidung liegt sowieso beim eigenen Auge.