
Der Regler für die Klarheit steht bei mir gerade auf plus 15, während Merle die Kaffeetasse aus der Bäckerei unten neben mein iPad stellt, wie fast jeden Vormittag im Atelier. Auf der alten Drucktür, die bei uns als Tisch herhält, liegen iPad und MacBook nebeneinander, durchs Fenster fällt nur flaches Nordlicht, keine Sonnenspur auf der Backsteinwand mit ihren alten Wasserrändern. Auf dem Bildschirm liegt ein Familienfoto, das noch nach nichts aussieht: flach, ohne die Tonalität, die ich aus meinem eigenen Aquarell von der Saale kenne, das neben mir an der Wand hängt. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob mir ein Lightroom-Grundkurs auf Deutsch weiterhilft oder ob mein presetgestützter, kreativer Workflow als Illustratorin für die Familienfotografie schneller zum Ziel führt: ein Bauchgefühl gegen ein starres Curriculum. Meine Antwort nach beiden Wegen kommt weiter unten, so viel vorweg: ein bisschen von beidem, nur in einer anderen Reihenfolge als im Lehrbuch.
Bevor es weitergeht, kurz zur Transparenz: In diesem Text stecken Affiliate-Links zu einem Lightroom-Kurs und einem Preset-Paket. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich schreibe nur über Werkzeuge, die tatsächlich auf meinem MacBook oder iPad im Atelier liegen und die ich für meine Aufträge als Illustratorin und Familienfotografin benutze.
Lightroom-Grundkurs oder Bauchgefühl: Zwei Wege zum gleichen Familienfoto
Angefangen hat die ganze Sache mit Rike Ostwald, meiner Nachbarin zwei Etagen tiefer im selben Hinterhofhaus. Sie fragte mich im Treppenhaus, ob ich ein paar Fotos zum ersten Geburtstag ihrer Tochter machen könnte – keine Studio-Sache, einfach draußen, ohne großen Aufwand. Ich sagte zu, ohne lange nachzudenken.
Die alte Sony Alpha 6000 aus der Zeit an der Burg Giebichenstein hab ich dafür wieder rausgekramt. Beim Sichten der Bilder in Lightroom kam die Ernüchterung: technisch okay, aber ohne die Linienführung, die ich aus der Arbeit mit Tusche kenne. Die Fotos sahen aus wie Datensätze, nicht wie Bilder.
Also kaufte ich mir einen Adobe Lightroom Classic Komplettkurs, in der Hoffnung, dass mir jemand zeigt, wie diese Illustrations-Ästhetik in die Fotografie kommt. Ich wollte das Alphabet lernen, bevor ich anfange, Gedichte zu schreiben.

Der Grundkurs liefert ein Fundament, keine Seele
Über 40 Lektionen, sauber sortiert von der Installation bis zum Export – für jemanden, der Systeme mag, ist das ein Fundament zum Anlehnen. Was ich eigentlich wissen wollte, wie man Farben in Lightroom anpassen kann, bis sie diese malerische Harmonie bekommen, kam trotzdem erst viel später dran. Die ersten Blöcke zur Tonwertkorrektur und den Belichtungskurven waren dafür wie eine Anleitung, wie man ein Blatt Aquarell-Papier grundiert, bevor die erste Farbe draufkommt.
Nach Modul 4 war bei mir Schluss. Nicht, weil der Kurs schlecht war; im Gegenteil, er ist gründlich bis ins letzte Häkchen. Aber mein Kopf tickt nicht linear. Ich will fühlen, wie Licht einen Schatten bricht, nicht erst lernen, wie man Kataloge auf einer externen Festplatte strukturiert.
Trotzdem nutze ich die selektive Korrektur in Lightroom heute ständig, fast wie einen feinen Pinsel, mit dem ich gezielt Licht auf eine Wange setze. Das Handwerk aus dem Kurs steckt einfach mit drin. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem systematischen und einem intuitiven Workflow: Der eine baut Wissen linear auf, der andere folgt dem Auge, und ich brauche inzwischen ein bisschen von beidem.
Presets als Gegenentwurf: Wo die Intuition übernimmt
Irgendwann probierte ich ein deutsches Preset-Paket aus, eigentlich für Reise- und Landschaftsfotografie gedacht – und trotzdem passte es sofort. Die Looks aus dem 100 Lightroom-Presets Paket, vor allem Cinematic, Moody und Natural, treffen die Tonalität, die ich sonst mit Tusche und Wasserfarbe aufbaue. Welcher Look zu welchem Auftrag passt, ist am Ende trotzdem eine Bauchentscheidung – dieses Zuordnen von Preset zu Foto ist noch mal ein eigenes Thema für sich.
Ein Familienshooting auf dem Marktplatz, Nordseite, im Schatten der Marktkirche, zeigt das gut. Hartes Licht von der Seite, harte Kanten überall – nur im Schatten der Kirche wurde es weich genug, um die Gesichter der Kinder nicht auszubrennen. Schatten lesen, bevor man überhaupt auslöst, ist am Ende wichtiger als jeder Regler danach.
Testweise habe ich eines der Fotos in Schwarzweiß gezogen, nur um zu sehen, was übrig bleibt, wenn die Farbe wegfällt. Und da lag plötzlich eine Linie am Kinn des Kindes, klar wie ein Federstrich, so als hätte ich sie selbst mit der Feder gesetzt. Seitdem prüfe ich ein Foto manchmal erst in Graustufen, bevor ich überhaupt an Farbe denke.
Für den Bildausschnitt setze ich danach oft eine leichte Vignettierung in Lightroom, um den Blick genau dahin zu lenken, wie ich es auch auf einem Bilderbuch-Cover tun würde. Wie viel vom Rand ich wegschneide, entscheidet am Ende genauso über das Bild wie jeder Regler.
Bei Rike ist das oft anders gelagert. Sie will helle, sanfte Farben, keinen Moody-Look, und dann justiere ich vor allem die Hauttöne behutsam nach, statt den ganzen Look über das Foto zu ziehen.
Seit diesem ersten Auftrag fotografiere ich grundsätzlich RAW und nicht JPEG, der Spielraum beim Nachjustieren ist für meinen Workflow zu wichtig, um ihn herzugeben. Bei einem ganzen Shooting lege ich das Preset zuerst über alle Bilder und feile erst danach einzeln nach, anders wäre die Menge an einem Nachmittag gar nicht zu schaffen.

Beide Wege treffen sich beim Weißabgleich, trennen sich beim Tempo
Ohne die Basis aus dem Lightroom Grundkurs würde mir heute trotzdem etwas fehlen. Weißabgleich, Belichtungskurven, das ganze Vokabular dahinter – ich brauche es, um mit Presets gezielt zu arbeiten, statt nur zu raten, welcher Regler was tut.
Mein Workflow heute ist ein Hybrid: Ich starte mit einem Preset aus dem Lifestyle-Paket, oft schon am iPad im Café am Steintor, und verfeinere die Details später am MacBook im Atelier. Am Ende exportiere ich dieselbe Bearbeitung unterschiedlich, eine Version fürs Fotobuch, eine kleinere zum Verschicken – diese Export-Einstellungen entscheiden am Ende, ob das Bild dort ankommt, wo es soll.
Wenn ein Preset die Hauttöne bei Abendlicht zu warm zieht, greife ich zurück auf das, was mir der Kurs beigebracht hat, und korrigiere den Weißabgleich manuell. Ohne dieses Grundwissen würde ich an der Stelle nur raten.
Falls dir Lightroom grundsätzlich nicht liegt und du für deine Illustrationen ohnehin schon in Photoshop arbeitest, könnte ein Kurs zur Bildbearbeitung in Photoshop der bessere Umweg sein. Für mich war Lightroom trotzdem der direktere Weg, weil der Workflow so viel schneller fließt als ein Wechsel zwischen zwei Programmen.
Der Kurs für Systematiker, das Preset-Paket für Bauchmenschen
Wer systematisch lernt, gerne Häkchen setzt und sich ein komplettes Vokabular wünscht, bevor er überhaupt anfängt zu experimentieren, ist mit dem linearen Kurs besser bedient. Wer dagegen vom Bild her denkt und lieber zehn Fotos ausprobiert als drei Lektionen durchzuarbeiten, fängt besser mit einem Preset-Paket an und holt sich das technische Rüstzeug genau dort, wo es an einem konkreten Foto hakt.
Am Ende ist Lightroom für mich wie ein neuer Kasten Aquarellfarben: Man muss lernen, wie viel Wasser die Pigmente vertragen, bevor das erste Bild trägt. Der Grundkurs zeigt dir, wie du den Kasten öffnest und die Pinsel hältst, den Rest erledigt dein eigenes Auge – und falls du systematisch anfangen willst, ist das der Ort, an dem ich selbst angefangen habe.
Adobe Lightroom Classic Komplettkurs [Mein Crashkurs]
Vorteile
- ✔ Über 40 Lektionen decken wirklich jedes Detail ab – von Import bis Export
- ✔ Häppchen-Format (2-7 Min) ideal für zwischendurch im Atelier-Alltag
- ✔ 30 Beispielfotos zum Mitüben helfen enorm beim Verständnis der Regler
- ✔ Technisch fundiert, perfekt um das Handwerk hinter der Intuition zu lernen
Nachteile
- − Sehr linearer Aufbau kann für intuitive Kreative anstrengend sein
- − Keine Community für direkten Austausch mit anderen Kursteilnehmern