
Der Dehaze-Regler steht bei mir selten über der Mitte, ich ziehe ihn nur ein Stück nach rechts und beobachte, wie der Milchschleier über den Weiden auf der Peißnitzinsel weicht, bis die Konturen der Familie im Vordergrund wieder eine Kante bekommen. Genau dieser Moment, kurz bevor der Nebel komplett verschwindet, entscheidet, ob ein Familienfoto aus Halle (Saale) nachher noch atmet oder nur noch technisch korrekt aussieht. Meine alte Sony Alpha 6000 mit ihrem APS-C-Sensor fängt den Dunst gnadenlos ehrlich ein, und genau da beginnt für mich als Illustratorin der eigentliche Lightroom-Workflow mit dem Dunst-entfernen-Regler.
Der Dunst-entfernen-Regler lohnt sich nicht bei jedem weichen Foto
Leute fragen mich oft, ob der Dehaze-Regler bei jedem etwas blassen Familienfoto helfen soll. Klare Antwort: nur wenn wirklich Feuchtigkeit in der Luft steckt, die den gesamten Tonwertumfang zusammenschiebt. Ich schaue zuerst auf die Histogrammspitzen: Liegen Schwarz- und Weißpunkt beide zu dicht an der Mitte, ist das ein echter Dunst-Fall. Ist nur der Vordergrund weich, weil das Licht spät und tief steht, brauche ich keinen Dehaze, sondern eher einen Griff an Klarheit und Kontrast einzeln. Ich arbeite dabei intuitiv statt nach festem Schema, ein Ablaufplan zum Abhaken passt nicht zu meinem Blick als Illustratorin.

Der Unterschied zwischen echtem Dunst und einem matten Foto
Ein mattes Foto und ein dunstiges Foto wirken ähnlich, reagieren aber unterschiedlich auf die Regler. Bei echtem Dunst ziehe ich den Dehaze-Regler nur minimal an, während ich parallel Belichtung und Kontrast intuitiv bearbeite, um die Tonalität zurückzuholen, ohne dass es nach Software aussieht. Bei einem einfach nur matten Bild, zu wenig Licht, zu viel Wolkendecke, hilft der Dunst-Regler kaum, dafür eher die Tiefen und der Schwarzpunkt. Wer Licht und Schatten treffsicher liest, bevor der erste Regler bewegt wird, spart sich die halbe Korrektur später. Ich vergleiche das gern mit Aquarell: Ein Lasurenauftrag klärt eine Fläche, ersetzt aber keinen fehlenden Pinselstrich.
Der Regler sollte nicht zu weit aufgezogen werden, bevor es künstlich wirkt
Lightroom erlaubt einen Ausschlag von minus 100 bis plus 100, aber ich bin noch nie über ein Drittel davon hinausgegangen, ohne es hinterher zu bereuen. Zu viel Dehaze frisst die feinen Kanten und wirft harte Halos um jede Lichtquelle, das Bild wirkt dann bearbeitet statt beobachtet. Nicht immer messbar. Aber spürbar. Bei einem Zwillings-Shooting habe ich mitten in der Bearbeitung das zweite Preset über das erste gelegt, weil mir der erste Look zu ruhig erschien, und die Gesichter wurden komplett platt gedrückt, also bin ich zurück zum ersten Preset gesprungen, und der Unterschied saß sofort im Bauch. Cinematic für dramatisches Licht, Natural für die leisen Familienmomente, welches Preset zu welchem Auftrag passt, ist bei mir reine Bauchentscheidung. Seitdem teste ich ein neues Preset erst an einem einzelnen Foto, bevor eine ganze Serie darunter leidet.

Was automatische Korrektionen mit der Stimmung anrichten können
Einmal habe ich unterwegs schnell entschieden, die automatische Korrektur in Lightroom Mobile ungeprüft zu übernehmen, weil ich in Eile war. Der Algorithmus hat den Dunst komplett rausgerechnet und mit ihm die ganze Stimmung, aus dem weichen Vormittagslicht wurde ein hartes, überschärftes Bild, das keine der Familien wiedererkannt hätte. Nie wieder ungeprüft. Genauso wenig vertraue ich der automatischen Weißabgleich-Korrektur bei Nebel, die kippt gern zu kühl, und ich ziehe von Hand ein Stück Richtung Warm zurück. Seitdem prüfe ich jede automatische Vorschau von Hand, Regler für Regler, bevor sie übernommen wird. Die Maschine sieht Kontrast, ich sehe eine Lichtkante, und das ist nicht dasselbe.
Dunst gezielt nur auf den Familien maskieren
Oft lasse ich den Dunst im Hintergrund bewusst stehen und maskiere nur die Personen im Vordergrund, um dort die Sicht zu klären. Das wirkt sanfter geführt als eine Vignettierung, die den Blick sanft lenkt, weil der Kontrast selbst die Aufmerksamkeit trägt und nicht nur eine abgedunkelte Ecke. Auf der Peißnitzinsel funktioniert das besonders gut, wenn der Morgennebel über dem Gras hängt und die Familie schon ein paar Schritte weiter im klareren Licht steht. Zu viel Klarheit überall im Bild raubt außerdem die räumliche Tiefe, wenn Vorder- und Hintergrund die gleiche Schärfe und Sättigung tragen, weiß das Auge nicht mehr, wo es ruhen soll.
Bei vielen Fotos einer Serie sitzt der Dunst-Wert nicht in Stein
Bei einer ganzen Serie wende ich die erste Dunst-Korrektur meist auf ein Referenzfoto an und kopiere die Einstellung auf die anderen RAW-Dateien, ein Preset im Batch spart Zeit, trotzdem schaue ich jedes Bild danach einzeln durch, weil sich Nebeldichte innerhalb weniger Minuten ändern kann. Mit RAW-Dateien statt JPEG bleibt beim Dehaze-Regler außerdem mehr Spielraum, bevor Kanten reißen. An bewölkten Tagen auf der Peißnitzinsel hilft zusätzlich Unschärfe im Vordergrund, um den räumlichen Eindruck zu retten, den die Dunst-Korrektur sonst plattmacht.
Wie stark ich den Ausschnitt beschneide, entscheide ich erst danach, wenn der Dunst sitzt, vorher zu croppen verschiebt den Tiefeneindruck, den die Korrektur gerade aufgebaut hat. Bei Hauttönen bin ich besonders vorsichtig, weil Dehaze die Sättigung im Gesicht schnell künstlich anhebt, und ich hole das lieber gezielt über eine separate Maske zurück, statt es dem globalen Regler zu überlassen. Die eigentliche Frage ist, wie Presets den Fokus auf das Motiv lenken; der Dunst ist nur ein Werkzeug dafür, nicht das Ziel selbst.
Leila, eine befreundete Fotografin aus Halle, meinte neulich, mein Blick auf Licht sei anders als der von den meisten Fotografen, die sie kennt, vermutlich weil ich zuerst an Lasuren denke und erst danach an Regler. Dunst entfernen bleibt für mich kein Ja-oder-Nein-Schalter, sondern eine Frage nach Menge: gerade so viel, dass die Familie im Bild noch atmet, und nicht so viel, dass die Peißnitzinsel ihre Tiefe verliert.